Frozen II - Eine Psychoanalyse

Frozen II - Eine Psychoanalyse

2.8 Milliarden Dollar an den Kinokassen und mehrere Milliarden Dollar an Merchandise.

Frozen gehört zu den Kassenschlagern von Disney.

Und das völlig zu Recht.

Hinter der Geschichte steckt viel Mythologie, viel Bezug zu unserem Leben, mehr als wir es von heutigen Filmen gewohnt sind.

Nach 2 Jahren habe ich mich endlich daran gemacht, den zweiten Film vollständig zu analysieren.

Im Kino war mir schon bewusst, dass dahinter mehr steckt, als ein gewöhnlicher Kinderfilm.

So viel sei gesagt:

Der Film vereint u.a. die KernElemente von Nietzsche und C.G. Jung, zwei der einflussreichsten Denker der Weltgeschichte.

An der Oberfläche ist Frozen 2 ein gewöhnlicher Kinderfilm.

Darunter steckt ein Meisterwerk voller Philosophie und Tiefenpsychologie.

Lasst uns ins Unbekannte eintauchen....wo noch niemand war.

Schauen wir uns ein Erstes, entscheidendes KernElement und dessen implizite Bedeutung an:

"Der verzauberte Wald wird von den vier Elementen beschützt und in einen Nebel gehült, als der Krieg zwischen zwei Völkern ausbricht."

Im späteren Verlauf des Filmes finden wir heraus, worum es sich bei den vier Elementen handelt: Sie stellen die Konventionen und Traditionen dar.

Sie sind das, was uns als Gemeinschaft zusammenhält, was wir gemeinsam haben, was uns vereint.

Sie sind Regeln, die wir alle kennen, weil sie von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Wir brauchen diese gemeinschaftlichen Regeln, um als Gruppe zu funktionieren, um zu verhindern, dass das Chaos ausbricht.

Das Magische im Wald ist das, was uns als Individuum innerhalb der Gruppe besonders macht.

Es ist unser Potenzial, es ist unsere einzigartige Persönlichkeit, es ist das, was unsere Aufmerksamkeit erregt, wenn wir ehrlich danach Fragen und es ist die Stimme, die Elsa ruft, damit sie ihrem Potenzial folgt.

Doch dazu später mehr.

Der Großvater von Elsa und Anna ist ein Tyrann.

Er will die Traditionen erhalten, doch das Magische, das Individuelle des Menschen, unterdrücken.

Deshalb baut er den Staudamm, um die Völker zu spalten. In einer gesunden Gesellschaft halten Regeln das Chaos zusammen und erschaffen eine Ordnung und erlauben die Entfaltung der individuellen Persönlichkeit.

Jeder darf sich autonom entwickeln und die Regeln der höheren Ordnung hinterfragen.

Doch der tyrannische Großvater ist da anderer Meinung, er repräsentiert den typischen Antagonisten persönlicher Entfaltung, er sagt:

"Durch Magie fühlen sich Menschen zu mächtig."

Wäre es im Blick auf heutige und vergangene Tyrannen nicht so traurig, wäre es fast schon witzig.

Individuelle Persönlichkeitsentwicklung macht Menschen nicht mächtig.

Es macht sie zu freien Individuen.

Unterdrückung von individueller Entwicklung ist Macht, es macht Individuen zu Sklaven.

Was er den Menschen also unterstellt ist in Wahrheit das, was von ihm selbst kommt.

Die Magie anderer bereitet ihm Angst, denn Tyrannen fürchten es, wenn Individuen sich freiheitlich ausleben.

Das wäre letztendlich der Tod des Tyrannen.

Er braucht die volle Kontrolle über jeden Einzelnen.

Ein "Ausreißer" kann schon genug sein und das Kartenhaus könnte zusammenbrechen.

Kommen wir zu dem Hauptmerkmal des Filmes:

Der Stimme.

Als der Krieg ausbricht, rettet Elsas und Annas Mutter ihren Vater und ruft nach Elsa.

Elsa folgt dieser Stimme, indem sie ihre individuellen Fähigkeiten nutzt, um das Wasser zu beherrschen und an einen Ort zu gehen, der eigentlich als gefährlich gilt, wo "noch niemand war".

Wir müssen auf unsere innere Stimme hören und die Konventionen und Einstellungen hinterfragen, die uns in der Vergangenheit gelehrt wurden, denn oftmals liegt hier die Lösung auf unser individuelles und kollektives Leid.

Wir müssen unsere individuellen Fähigkeiten nutzen und in Frage zu stellen, was uns gelehrt wurde.

Wir müssen Regeln brechen.

Wann müssen wir die Regeln brechen?

Der kanadische Psychologe Jordan B. Peterson schrieb dazu in seinem 2021 erschienen Buch Beyond Order:

"Befolge die Regeln, außer wenn dadurch der Zweck dieser Regeln untergraben wird. In diesem Falle gehe das Risiko ein, und handele auf eine Weise, die dem, was als Moral verstanden wird, wiederspricht."

Elsa geht dieses Risiko an, sie ahnt, dass die Lüge der Vergangenheit die Gegenwart und damit die Zukunft vernichtet.

Sie folgt ihrer Stimme und sie wird Recht behalten.

Die Vergangenheit ist nicht selten durchseucht von Lügen, nur weniges unserer Gegenwart ist mit Wahrheit befleckt, denn nur wenige gehen das Risiko an, sich der Wahrheit zu stellen und sie ans Licht zu bringen.

Der Stimme zu folgen braucht Akzeptanz statt Scham über unsere individuellen Fähigkeiten.

Akzeptanz bedeutet, dass wir unser zukünftiges Ich als potenzielle Möglichkeit sehen, die besser erscheint, als die gegenwärtige Möglichkeit.

Das ist eine Vision, das ist etwas, das wir werden könnten, anstatt uns auf den Lügen auszuruhen, die wir von anderen übernommen haben und diese Lügen zu leben.

Das ist es, was Freuds Landsmann Alfred Adler als Lebenslüge bezeichnete.

Es ist das kognitive besessen sein nach einem Wunsch und nach diesem Wunsch entwickelt sich dann ein Ziel. Ziele einer Lebenslüge können z.B. sein, dafür zu sorgen, dass man gemocht wird, kompetent zu wirken, sein Leiden und seinen Zynismus zu rechtfertigen, Konflikte zu vermeiden, als "netter Mensch" dazustehen.

Peterson beschrieb, dass eine Lebenslüge immer auf zwei Prämissen gründet:

  1. Dass das gegenwärtige Wissen ausreicht, um bis in die Zukunft hinein darüber zu entscheiden, was gut und unbestreitbar ist.
  2. Dass die Realität unerträglich wäre, wenn man sie sich selbst überließe.

Beides ist Humbug.

Durch beides halten wir uns für Gott, wir glauben, wir könnten die Realität manipulieren.

Dass ist es, was Tyrannen gemeinhein glauben, dass ist es, was der Großvater in Frozen glaubte:

Er glaubte, er könne durch seine Tyrannei die Völker für heute und für immer spalten. Er glaubte, er könne das Individuelle im Menschen unterdrücken.

Um die Lebenslügen der Vergangenheit und der Gegenwart in Wahrheit zu transformieren, konfrontierte sich Elsa mit dem Chaos und dem Unbekannten, auch wenn sie dafür die Warnungen ihrer Eltern ignorieren musste.

Sie war bereit dazu, das, was auf tyrannischer Intention aufgebaut und durch kollektive Blindheit weitergetragen wurde, nicht nur durch ihre Vision einer besseren Zukunft, sondern auch durch ihren Mut in eine erträgliche Gegenwart zu transformieren und somit in eine bessere Zukunft für sich selbst und andere.

Wie stellte sie das an?

Sie nutzte ihr Potenzial, das ist ihre Waffe.

Tyrannen haben auch Waffen, sie sind manipulativ und empathielos. Ihre Intention ist es, die Welt in eine Ordnung zu verwandeln, doch was unterscheidet Tyrannen von Menschen, die ihr Potenzial als Waffe benutzen, wie Elsa es tat?

Elsa fügte niemandem Schmerzen zu. Sie opferte sich selbst, was wohl als das Gegenteil dessen bezeichnet werden.

Man kann seine eigenen Waffen, seine Fähigkeiten, sein manchmal von Natur gegebenes Potenzial dazu nutzen, nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das anderer, ein wenig besser zu machen, anstatt dafür zu sorgen, das eigene Leben und das anderer, ein wenig schlechter zu machen.

"Elsa ist der 5. Geist, sie ist die Brücke zwischen Magie und Natur."

Was manche ahnten, gibt uns der Film dann letztendlich auch.

Ihre individuellen Fähigkeiten nutzte Elsa für die Menschen, um die Wahrheit über die Vergangenheit herauszufinden und vergangene Lügen aufzuklären.

Sie nutzte sie auch für sich, um ihre eigene Wahrheit herauszufinden.

Sie wollte in Wahrheit keine Königin werden, das war nur der Traum, die Tradition, ihrer Eltern.

Die Wahrheit liegt hinter Traditionen, Konventionen und Ängsten hinter dem Schutz in uns, im Unbekannten, in das wir eintreten müssen.

"Ich hab hinter festen Mauern ...."

So tragen wir zum Erhalt von Wahrheit bei.

Zu unserer Wahrheit, der Wahrheit unserer Gemeinsamschaft, der Wahrheit über die Vergangenheit.

Wir spielen nicht mehr Gott, wir sind kein Tyrann mehr, der die Realität verdrehen will. Nur die Wahrheit ist dazu in der Lage, die chaotische und erbärmliche Realität in eine einigermaßen erträgliche Ordnung zu verwandeln.

Elsas Entwicklung begann schon im ersten Film, indem sie ihre Fähigkeiten entdeckte und letztendliche dafür nutzte, das Böse, den tyrannischen König, zu bekämpfen.

Sie ließ hinter sich, was sie nicht war, nachdem sie aus dem Gefängnis ihrer Vergangenheit ausgebrochen war.

Dass ist der erste Schritt, den Nietzsche als Notwendigkeit sah, um zum Übermenschen zu werden.

Er nannte es die Entwicklung vom Kamel, zum Löwen und letztendlich zum Kind.

Als er mit seinem Ausspruch "Gott ist tot" die lebendige Hölle des 21. Jahrhunderts quasi voraussagte, gab er uns auch eine Alternative.

Er gab uns die große Aufgabe, unsere mögliches, zukünftiges Selbst zu unserem eigenen Gott zu machen, denn "tot sind alle Götter, nun wollen wir, dass der Übermensch lebe."

Nur das sah er als Gegenmittel zum alternativen Nihilismus, der letztendlich zu 100 Millionen Toten im 21. Jahrhundert führte.

Wir haben laut Nietzsche den Zwang zu Visionen und den Zwang zur Ekstase.

Wir wollen also gespalten, planen, erschaffen und etwas anstreben. Das ist die Ordnung.

Wir wollen aber auch kreativ sein, chaotisch sein, destruktiv sein. Das ist das Chaos.

"Jedes Nachgeben an die Instinkte, ans Unbewusste, führt hinab."

Das kreativ sein, das sich entwickeln, das anstreben, führt hoch.

Das animalische, das sinnliche, das nachgeben, führt herunter.

Wie schaffen wir das alles also?

Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.

Friedrich Nietzsche

Das sind Nietzsches berühmte Worte aus "Also sprach Zaratusthra".

Weiter schreibt er:

"Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden."

"Elsa Zitat Brücke Ende".

Elsa lässt die alten Werte und Vorstellungen hinter sich, sie hinterfragt die Vergangenheit und erstarrt zu Eis, als sie die Wahrheit über diese herausfindet.

Das ist der Untergang.

Das ist das Ablegen aller Lügen, die uns auferlegt wurden.

Es ist die Wahrheit, die so schmerzhaft ist, dass wir uns nicht damit konfrontieren wollen.

Doch da Elsa nicht nur ein Untergang, sondern auch ein Übergang ist, wird sie als neuer Mensch wiedergeboren, als neue Persönlichkeit, mit neuen Werten und neuen Wünschen.

Sie erkennt, dass sie keine Königin sein will, dass das nur der Wunsch ihrer Eltern war.

Sie erkennt, dass sie ihre Fähigkeiten akzeptieren und für das Gute in der Welt nutzen muss, anstatt sich dafür zu schämen und es gegen die Welt zu richten.

Sie erkennt, dass die Wahrheit über uns selbst und die Welt niemals dort liegt, wo es einfach und gemütlich sein wird, sondern an den Orten, an die sich sonst niemand traut.

Und sie erkennt, dass wir dem in uns folgen müssen, was uns den Weg dorthin weist.

Warum?

Weil die Alternative der Untergang bedeutet.

Disney sagt es uns hier wieder, wenn auch implizit:

Jeder Mensch kommt mit dem Schicksal für Leid auf die Welt, aber auch mit dem Potenzial, dieses Leid in ein erträgliches Leid umzuwandeln.

Jeder Mensch hat die Möglichkeit das Leid in sich, in der Welt und im Kollektiv umzuwandeln, wenn er seine individuelle Vision erschafft, den Mut hat, diese Vision anzustreben und dabei Regeln und Konventionen zu brechen und die entsprechenden Waffen einsetzt, um all das zu erreichen, ohne dabei anderen nur des Schmerzes Wegen zu schaden.

Lasst uns also ins Unbekannte gehen.

Wo noch niemand war.