Pinocchio ... durch die Augen eines Psychologen

Pinocchio ... durch die Augen eines Psychologen

"Erweise dich als mutig, wahrhaftig und selbstlos, und eines Tages wirst du ein echter Junge sein. Und lass dich immer von deinem Gewissen leiten."

Und unsere kleine Lieblingsgrille, Jiminy, erklärt in wortgewandter Manier:

"Diese stille kleine Stimme, auf die die Leute nicht hören wollen. Das ist einfach das Problem mit der heutigen Welt."

Das Gewissen ist das Selbst. Die "stille kleine Stimme, auf die die Leute nicht hören willen" ist ebenfalls das Selbst.

Pinnochio hört auf diese Stimme, doch alle anderen in dem Film tun es nicht.

Sie verhalten sich kindisch, destruktiv und egoistisch.

Pinnochio muss versuchen gut zu sein, während alle anderen sich bemühen, unfassbar schlecht zu sein.

Pinnochios Nase wächst, wenn er die blaue Fee belügt.

Was bedeutet das?

Die Fee stellt auch das Selbst dar.

Das Selbst beobachtet uns beim Sprechen.

Nimmt es wahr, dass wir lügen, leiden wir, auch wenn wir es nicht bewusst tun.

Die blaue Fee gab Pinnochio das Leben und befreite ihn aus seinem ersten Gefängnis.

Außerdem gab sie ihm die Botschaft mit, dass sein Leben von nun an alleine bewältigt werden müsse.

Das bedeutet drei Dinge:

  1. Das Selbst macht uns lebendig, indem es uns Potenzial, Möglichkeiten und Interessen schenkt. Ohne die wären wir nur sprechende Affen.

  2. Das Selbst ist dazu in der Lage, uns aus unserem Gefängnis der Kindheit zu befreien, indem es die Verantwortung für das innere KInd übernimmt und es in seine Obhut nimmt.

  3. Das Selbst ist zwar auf unserem Lebensweg immer bei uns, doch letztendlich führen wir das Leben, wir treffen die Entscheidungen, wir übernehmen die Verantwortung.

Der Film war bisher nur implizit in seinen Botschaften.

Als die Farben ändern, ändert sich auch die Stimmung.

Der Kutscher bringt "dumme kleine Kinder" zur sog. "Vergnügungsinsel" und sagt, sie werden "nie wieder als Jungs zurückkommen". Auf der Insel können sie wortwörtlich tun, was sie wollen:

Trinken, was sie wollen, Ice-Cream essen, Bier trinken, Zigaretten rauchen, Kämpfe aus Spaß führen, Dinge zerstören. Alles explizit dargestellt.

Damit aber nicht genug: Die Kinder verwandeln sich auf der Insel in Esel, wo sie dann für monotone Arbeit ausgenutzt werden.

Was bedeutet das alles?

Der Kutscher ist ein pädophiler Kinderhändler, er stellt das personifizierte Böse dar.

Die Jungs, die in ihrer kindlichen Naivität dachten, das Leben sei nur Spiel und Spaß, bezahlten letztendlich mit dem, was sie lebendig machte.

Sie verloren ihre Würde und ihr Leben, sie lebten als ein Arbeitstier weiter, das nur frisst und schläft.

Das ist die Analogie zur typischen Gesellschaft.

Das ist das Spiel um uns herum, das wir ignorieren müssen, da wir ansonsten ein Teil davon werden.

Das ist das Versprechen, der Masse zu folgen würde ewiges Vergnügen bedeuten, wobei es in Wahrheit ewiges Leiden bedeutet.

Damit aber nicht genug.

Die Kinder erlebten ein Trauma, ihre Erwartung wurde zerstört, sie mit dem Bösen im Außen und im innen konfrontiert.

Sie verloren ihre Sprache, indem sie sich zu Esel verwandelten.

Ihre kindliche Seite wurde gewalttätig außeinandergerissen, durch ein Trauma. Implizit bedeutet das:

Trauma bricht das innere Kind in uns.

Doch wir müssen entfliehen, wie es Pinnochio auch tat, indem wir das kindliche wieder integrieren.

Was dann geschieht, ähnelt der Situation mit Harry so sehr, es ist fast schon lächerlich offensichtlich:

Pinnochio stirbt bei dem Versuch, seinen Meister Gipetto aus dem Magen des Wals zu retten, er stirbt, weil er sein Leben opferte, wie es auch Harry Potter tat, oder zumindest wissentlich aufs Spiel setzte.

Die blaue Fee rettet ihn, sie holt ihn zurück aus dem Reich der Toten.

Pinnochios Eselohren und sein Eselsschweif sind verschwunden.

Was bedeutet das implizit?

Pinnochio wurde durch die Konfrontation mit dem Bösen traumatisiert.

Er bliebt traumatisiert und starb sogar, man könnte sagen lebendig.

Das Einzige, was ihn stärker machte, als zuvor, ist sein größtes Opfer zu erbringen (sein Leben) und sich dem zu stellen, was dort liegt, wo er am wenigsten suchen wollte (im Abgrund des Monsters), sich dort mit dem Chaos und dem Unbekannten zu konfrontieren und dann als neuer, stärkerer Junge hervorzugehen.

Pinnochio war das einzige Kind, das dem schrecklichen Leben der Esel entkommen konnte.

Alle anderen wurden zu Huftieren, die nicht mehr sprechen konnten, denen also ihr Menschliches entrissen wurde.

Wir wissen nicht, was mit den Kindern passiert, die als Esel noch sprechen können, aber wir müssen davon ausgehen, dass der Kutscher sie tötete.

"Holt ihn, er kann noch sprechen", rief er und zeigte auf den kleinen Alexander.

Der Film ist ein fantastisches, düsteres Kunstwerk.

Er erzählt die größte Wahrheit von allen, und macht damit seinem Namen alle Ehre.

Während alle anderen Disney-Filme mit der Lüge "Glücklich bis ans Lebensende" protzen, sagt Pinocchio es dem Publikum direkt, nämlich folgendes:

Glücklich bis ans Lebensende nur für manche Menschen.

Nicht für alle.

Und für diejenigen, die es schaffen, braucht es Lügen, um dorthin zu gelangen.

Es braucht Schmerz, Blut, Schweiß, Tränen und Missbrauch, bevor man es schafft, und wenn man es geschafft hat, ist man gezeichnet.

Der Rest... naja, sie werden wie Sklaven zur Arbeit eingesetzt und diejenigen, die auch nur die Fähigkeit haben, gegen die Bedingungen zu protestieren, denen sie ausgesetzt sind, werden zum Schweigen gebracht.

Der Film macht einen guten Job, das zu verstecken, denn die dunkelste Geschichte, die Disney je erzählt hat, ist selbst mit Dunkelheit bedeckt.

Am Ende sind die einzigen glücklichen Menschen Pinocchio und Gepetto.

Alle anderen sind verzweifelt.

-

Auszug aus "KernElemente der Psyche".