Der Geist der Kreativität

Die meisten meiner Texte und Bücher entstanden auf meinem Handy.

Das sind mehr als 1.5 Millionen Wörter. 

Egal, ob ich mit dem Hund draußen war, einkaufen ging, ins Büro lief oder am Flughafen zu meinem Gate rannte.

Mein Handy war immer dabei und für mich das, was für frühere Schriftsteller die Schreibmaschine war. 

Ich wurde mehrmals umgerannt, fast überfahren und bin in Indonesien sogar in einen 1.5 Meter tiefen Schacht gefallen. 

Mein kreativer Prozess folgt keiner rationalen Struktur. 

Mein kreativer Prozess folgt, im Gegensatz zur Vermarktung, Planung und Verbesserung meiner Produkte, ganz anderen Gesetzen. 

Das hat Vorteile, denn schließlich bezahlt er seit 6 Jahren meinen Lebensunterhalt. 

Gleichzeitig kommen damit einige Fragen einher: 

 

  • Ist meine Arbeit überhaupt etwas Wert, wenn ich sie nebenbei, scheinbar ohne jegliche Anstrengung, durchführe?
  • Darf ich von anderen dafür überhaupt Geld verlangen, wenn es sich doch irgendwie wie Betrug anfühlt, nicht wie harte Arbeit?
  • Was, wenn die Kreativität irgendwann ausbleibt? Wie soll ich dann meine Rechnungen bezahlen?
  • Was, wenn meine beste Arbeit bereits hinter mir liegt und sonst nichts mehr kommt?

Meinen Umgang damit möchte ich in hier aufzeigen.

Der Geist der Kreativität

Künstler der letzten 100 Jahre griffen nicht selten zur Flasche, viele weitere zu Drogen und einige nahmen sich durch die eigene Hand das Leben, darunter die renommiertesten Schriftsteller aller Zeiten David Foster Wallace und Ernest Hemmingway. 

Dem Künstler hängt, im Gegensatz zum Angestellten, eine schlimme, melancholische und nihilistische Einstellung an. 

Er ist der Säufer, der Verwirrte, der Depressive. 

Der Angestellte verrichtet seine Arbeit und geht dann nach Hause. 

Er wird nicht wie der Verrückte dargestellt, der scheinbar den ganzen Tag mit einer Flasche Whiskey in der Hängematte liegt und auf sein Lebensende wartet. 

In der griechischen Mythologie wurden die Künstler als "von Geistern heimgesuchte" bezeichnet. 

Es wurde behauptet, sie würden immer Mal wieder von einem im Schrank eingeschlossenen Geist überfallen werden und sich dann kreativ ausleben. 

War der Geist positiv gestimmt, wurde die Arbeit des Künstlers ansprechend und beflügelnd. Hatte der Geist hingegen einen schlechten Tag, fand man den Künstler irgendwo deprimiert in der Ecke liegen. 

Hin und wieder wurde irgendwo ein Künstler von einem Geist heimgesucht, der durch ihn die Kunst in die Welt brachte. 

Die Kunst war also kein Teil des Menschen, sondern lediglich eine aufkommende und wieder abflauende Energie, scheinbar von einem anderen Planeten. 

Als ich in Indonesien in dem Schacht lag, weil ich gerade einen Text verfasste, hatte mich ein solcher Geist wohl auch heimgesucht. 

Was sagt uns das?

Wenn die Kreativität zuschlägt

Da die meisten meiner Texte in der freien Natur entstanden, sehe ich diesen Geist eher als eine übernatürliche Energie, die der Wind in mich trägt. 

Ich glaube nicht an Übernatürliches, aber diese Vorstellung hilft mir in vielen Bereichen ungemein. 

Wenn ich bei einem Grillabend mit der Familie zusammensitze und mir plötzlich ein Einfall kommt, dann war es der Wind, der ihn mir zugetragen hat. 

Ich verlasse den Tisch kurz, schreibe nieder, was mir in den Kopf kam und setze mich wieder zurück. 

Ein kreativer Prozess ist nicht planbar. 

Er ist einfach. 

Er geschieht einfach. 

Ich gebe ihm den Raum, in dem er entstehen darf, undzwar in jedem Moment. 

Durch diese Freiheit, durch diese Bereitschaft, etwas aufzunehmen und zu erschaffen, kann Kreativität überhaupt erst umgesetzt werden. 

In den dunkelsten Stunden meines Lebens war das Schreiben meine Form der Verarbeitung. 

Ich bin der Künstler, der bereit dazu ist, den Wind der Kreativität zu empfangen, um der Welt zu geben, was er mir zuweht. 

Ich schaffe die Ruhe, die Auszeit, die innere Leere, damit dieser Wind überhaupt den Platz in mir findet. 

Ich bin die leere Tafel, auf die geschrieben werden kann und wenn jeder gesehen hat, was gesehen werden soll, wische ich die Tafel sauber, um sie wieder beschreiben zu können, wenn es sein muss.

Kreativität endet nie. 

Kreativität ist immer. 

Der Geist der Kreativität ist immer bereit, wenn du es bist.

Alles andere geschieht automatisch. 

Gib ihm Freiraum und Vertrauen. 

Dann gibt er dir, was du weitergeben sollst. 

Auch, wenn du dafür kurzfristig in eine Grube fallen musst.
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