Wenn alles möglich ist: Wie man sich seine eigene Hölle erschafft

Wenn alles möglich ist: Wie man sich seine eigene Hölle erschafft

"Vergiss sie alle", sagt Peter Pan zu dir, "komme mit mir und du wirst dir niemals wieder über erwachsenen Zeug Sorgen machen müssen."

Du packst seine Hand und ihr fliegt los. 

Endlich, die Welt gehört dir. 

Alles ist möglich. 

Unter dir scheint jemand die Welt wie eine Tischdecke wegzuziehen. 

Alles zieht vorbei. 

Es gibt nichts zu erreichen, es gibt nichts mehr zu tun. 

Du gehörst allem und alles gehört dir. 

Wie wundervoll. 

Nichts muss, alles kann. 

Was kümmert dich schon Verantwortung, was kümmert dich Erwachsenwerden, wenn du alles tun kannst, wenn du alles sein kannst. 

Verantwortung bedeutet schließlich Chaos, Leid, Schrecken und Schmerz. 

Sie ist unberechenbar, sie tut, was sie will. 

Jeden Moment könnte schiefgehen, was du tust, also warum Erwachsensein?

Jeden Moment könnte das Chaos ausbrechen, also warum Erwachsensein?

Warum überhaupt etwas tun?

Warum deine Wäsche waschen, warum deinen Eltern verzeihen, warum gesund ernähren, warum Sport treiben, warum deinen Körper pflegen, warum auf Süßigkeiten und tolle Spielsachen verzichten, warum das alles?

Es war doch so schön, deine Eltern haben sich fürsorglich um dich gekümmert, sie waren immer für dich da, sie haben das Chaos entsorgt und Ordnung geschaffen und jetzt ....

Peters Hand entgleitet dir.

Du fälltst. 

Du fälltst und du schlägst auf und plötzlich ist da dieses Chaos, dieses Leid, diese Schrecken und dieser Schmerz.

Plötzlich geschehen unerwartete Dinge, man will etwas von dir.

Jeder will etwas von dir. 

Menschen belügen dich, betrügen dich, bestehlen dich, verletzen dich. 

Unternehmen manipulieren dich. 

Du manipulierst dich. 

Alles ist möglich. 

Überall Chaos.

Doch du dachtest, Chaos sei nur in Verantwortung, du dachtest, die Dinge würden schiefgehen, wenn du sie angehst.

Du dachtest, die Aufgaben deiner Eltern zu übernehmen würde bedeuten, dass das Chaos dich aufsaugen würde.

Deshalb wolltest du fliehen, mit Peter Pan, in ein Land, in dem alles möglich gewesen wäre. 

Doch du erkennst es jetzt, wo du hier auf dem kalten Boden der erbärmlichen Realität liegst: 

Chaos ist immer da, ob du Verantwortung übernimmst, oder nicht. 

Die Dinge gehen schief, ob du dich um sie kümmerst oder nicht. 

Und da alles möglich ist, da alles passieren kann, da du jeden Moment umgeworfen werden könntest, entsteht noch mehr Chaos und noch mehr Dinge gehen schief. 

Du bist zu einfach zu töten.

Etwas in dir regt sich. 

Du ahnst es, aber du willst es nicht glauben. 

Du drückst dich vom Boden hoch, du atmest tief ein, du blickst selbstbewusst ins Leere.

Das kann doch nicht alles gewesen sein?

Ein Leben voller unberechenbarem Chaos?

Da muss doch mehr sein?

Peter Pan will nicht "mehr".

Denn "mehr" bedeutet unfreiwilliges Chaos, es bedeutet Leid und Schrecken und all die Schmerzen des Erwachsenwerdens.

Wieso sollte er sich also dazu entscheiden?

Wieso sollte er "ja" sagen und mit dir in deine Welt gehen und dort mit dir erwachsen werden?

Weil da draußen, wo Verantwortung notwendig ist, nicht nur Chaos, Leid, Schrecken und Schmerz wartet.

Sondern auch Sinn und Bedeutung.

Nur dort.

Sinn und Bedeutung entstehen durch Verantwortung.

Nur Sinn und Bedeutung helfen dir, deine kindliche Naivität zu überkommen.

Nur Sinn und Bedeutung helfen dir, die Schrecken des Lebens erträglicher zu machen.

Nur Sinn und Bedeutung helfen dir, aus dem "alles ist möglich" ein "alles ist möglich, aber immerhin bin ich vorbereitet" zu machen. 

Nur Sinn und Bedeutung helfen dir, aus dem unerträglichen Chaos der Erwachsenenwelt eine erträgliche Ordnung zu machen.

Verantwortung ist Schrecken, Chaos, Leid und Schmerz. 

Doch Verantwortung ist auch Bedeutung. 

Ohne Verantwortung ist also alles bedeutungsloser Schmerz. 

Das ist Peter Pans Einstellung. 

Das ist die Hölle.