Das Gegenteilige in dir integrieren

Das Gegenteilige in dir integrieren

Wenn C.G. Jung  davon spricht, dass man das Gegenteilige in sich selbst integrieren muss, um "vollständig" zu werden, ist die Integration eine lebenslange Aufgabe.

Nicht nur das Kindliche und das Erwachsene zu integrieren, wie wir es in "KernElemente der Psyche" tun, sondern auch das Gute und das Böse, das Chaos und die Ordnung. 

Das Kindliche ist das Chaos, es ist neu leben und sich neu erleben. 

Das Erwachsene ist die Ordnung, es ist das Ausblenden von Komplexität durch Struktur und Verantwortung. 

Das Gute ist den Feind und den Freund und sich selbst so behandeln, dass man niemandem davon Leid zufügt, nur des Leides wegen. 

Das Böse ist die Tyrannen des Feindes und in sich selbst zu erkennen und zu integrieren und trotzdem moralisch nach dem Guten zu streben, also lediglich den Tyrannen in anderen in ihre Schranken weisen, wenn es notwendig ist, um Schlimmeres zu verhindern. 

Vor der Verhaltensveränderung im Außen kommt die Integration im Inneren. 

Wer das Böse in sich selbst nicht integriert hält alle Menschen für gut, da er lediglich das Gute in sich auf andere projeziert, obwohl das wortwörtlich nur die halbe Wahrheit ist. 

Wer allerdings Bücher wie "Der Archipel Gulag" (besonders Band 2) von Alexander Solschenizyn und "Ganz normale Männer" von Christopher R. Browning gelesen hat und sich in der Folge an die Arbeit macht, Verstecktes und Verborgenes und Verlorengegangenes in sich wieder aufzunehmen (heißt: in sein Bewusstsein zu holen), der ist nicht mehr so naiv. 

Der hält andere nicht mehr blind für böse, der weiß wozu andere in der Lage sind, wenn er ehrlich und wahrhaftig weiß, wozu er selbst in der Lage wäre und das folgt aus dem wahrhaftigen Blick nach Innen. 

Der lässt sich nicht herumschupsen, er ist kein Hase mehr, der über das freie Feld rennt, wo er jeden Tag von einem Adler gefangen und in der Luft zerfetzt werden könnte. 

Der wird zu jemandem, denn nur mit dem Guten in sich in seinem Bewusstsein hat er keinen festen Boden unter seinen Füßen und alles, womit er beschäftigt ist, ist von anderen umgeworfen zu worden. 

Innere Integration, das Bewusstwerden unbewusster Vorgänge, ist die einzige Möglichkeit, sich zu lösen. 

"Was ist das Lösende?", schrieb C.G. Jung in "Das rote Buch", indem er die Erkenntnisse seiner Selbstexperimente zusammenfasst. 

"Es ist immer ein Uraltes und eben deshalb ein Neues, denn ein Längstvergangenes, das heute wiederkommt, in eine neue Welt, ist neu. Uraltes in eine Zeit hineingebären ist Schöpfung. Das ist Erschaffung des Neuen und dieses erlöst mich."

Doch wie stellen wir das an?

Wir müssen uns unserer Unzulänglichkeit, unserer unperfekten und mangelhaften Existenz bewusst werden. 

Wir müssen ehrlich schauen, was wir nicht sehen wollen und es dann als einen Teil von uns akzeptieren. 

Wir müssen erkennen, was uns an anderen stört, um dadurch zu erkennen, dass es genau dieser Anteil ist, den wir in uns nicht sehen wollen. 

Wir müssen uns unserer Unvollständigkeit bewusst werden, um vollständiger zu werden. 

Nur so integrieren wir das Gegenteilige.