Ein Grund zu atmen (Essay)

Ein Grund zu atmen (Essay)

Die Trompeten der Erzengel über dir, 

 

das flüssige Glück der Befreiung in dir, 

 

die Erlösung von Leid um dich herum. 

 

Stillschweigend trittst du durch das Tor des Himmels, 

 

nicht tot, aber zumindest nicht mehr innerlich verwesend. 

 

Endlich, du atmest tief ein und tief aus. 

 

Dein Weg, das Versprechen, deine Hoffnung, 

 

alles verbindet sich an diesem Punkt, 

 

den du dir so sehr herbeigesehnt hast. 

 

Endlich nie mehr leiden. 

 

Endlich nie mehr verzweifeln. 

 

Glitzernd regnet es über dir herab, 

 

pures Glück, 

 

purer Seelenfrieden.


Man könnte meinen, wäre man ein Laie, wäre man ein Schlafender, 

 

dies sei der Tod, 

 

die einzige Erlösung von Leid auf Erden. 

 

Doch du hast erreicht, 

 

was von allen herbeigesehnt, 

 

aber von wenigen vollbracht wurde. 

 

Pures Glück. 

 

Die Überwindung menschlichen Leidens. 

 

Du lässt dich nach vorne fallen, 

 

du badest in deinem Erfolg. 

 

Nun gibt es nichts mehr zu erreichen, 

 

nichts mehr anzustreben, 

 

nichts mehr zu vollenden, 

 

nichts mehr zu lösen, 

 

nichts mehr zu verzeihen, 

 

nichts mehr zu klären, 

 

es gibt…nichts mehr zu tun. 

 

Du unterscheidest dich nicht mehr von einem Toten, 

 

man nimmt dich nicht einmal mehr wahr. 

 

Du bist unwichtig. 

 

Und da kommt er wieder. 

 

Der Schmerz….


War dieser vollumfängliche Schmerz nicht bereits überwunden?

 

Wieso kommt er wieder auf?

 

Was geschieht hier?

 

Wolken unter dir brechen auf, als hätte man sie dazu gezwungen. 

 

Alles um dich herum löst sich auf, alles verschwindet, alles wird schwarz. 

 

Nichts ist mehr, du bist Nichts. 

 

Nichts ist mehr von Relevanz und wenn nichts mehr von Relevanz ist, warum dann noch atmen?


Warum noch aufwachen?

 

Warum noch bewegen?

 

Warum noch reden?

 

Warum noch lachen?

 

Alles ist überwunden, doch gibt es etwas zu überwinden?

 

Kannst du das Leben überwinden?

 

Du fällst, du taumelst, du verzweifelst. 


All das, was du dir herbeigesehnt hast, verschwunden. 

 

All das, was du dir gewünscht hast, ein Luftschloss. 

 

Wenn all das Leiden des Lebens verschwindet, gibt es keinen Grund mehr zu leben. 

 

Du bist der Illusion verfallen, du könntest all das Leiden des Lebens für immer auslöschen. 

 

Was ein übler Fehler. 

 

Wenn du für nichts mehr leidest, für nichts mehr kämpfst, für nichts mehr aufstehst, 

 

zerfällt das Schloss der Existenz und lässt dir die Frage übrig, 

 

weshalb du überhaupt noch lebst. 

 

Und während du fällst, 

 

siehst du die Konsequenz, 

 

du siehst die Antwort, 

 

du siehst die Lösung. 

 

Die Lösung war nicht Erlösung von Leid. 

 

Die Lösung war ein Tausch von Leid. 

 

Nicht „wie schaffe ich es, nicht mehr zu leiden?“, 

 

sondern „wofür bin ich bereit zu leiden?“

 

Hier wird die Entscheidung klar, 

 

hier wird Himmel von Hölle getrennt. 


Himmel ist das, wofür du bereit bist zu leiden, um zu verhindern, dass du an der Trivialität der Realität verzweifelst. 

 

Hölle ist das, wofür du unfreiwillig leidest, weil du nicht dazu bereit bist, dir deinen Himmel zu erschaffen. 

 

Himmel ist nicht Abwesenheit von Leid. 

 

Himmel ist Anwesenheit von notwendigem Leid. 

 

Wofür leidest du?

 

Was ist dir wichtig?

 

Was möchtest du erschaffen?

 

Wer möchtest du sein?

 

Wie soll man dich wahrnehmen?

 

Dein Himmel ist das erträgliche, notwendige Leid, dem du dich freiwillig aussetzt. 

 

Knall. 

 

Du schlägst auf. 

 

Du schüttelst dir deinen Glitzer ab. 

 

Du nimmst das Leben auf dich, 

 

wortwörtlich und buchstäblich. 

 

Du gehst den Berg hinauf, 

 

wohlwissend, 

 

in völligem Bewusstsein darüber, 

 

dass du die Spitze niemals erreichen wirst. 

 

Doch das ist in Ordnung. 

 

Das ist der Himmel. 

 

Das ist das Leben. 

 

Und du lebst es.