Aion von C.G. Jung: Individuation auf dem Weg zur Befreiung

Neben dem Schatten, dem Animus und der Anima, existiert noch das "Selbst" als ein universeller Archetypus, der in allen Kulturen zu finden ist.

Sein Symbol ist oft der Kreis, das Mandala, oder ein in alle Richtungen ausgreifender Stern, denn es ist das Wesen des "Selbst", alle psychischen Fähigkeiten zu umfassen. Im westlichen Kulturkreis ist Christus die Symbolfigur für diesen Archetypus, also für die voll integrierte Psyche.

Jungs Werk "Aion" dreht sich um eben diese Figur, denn mit dem Wort "Aion" ist das Zeitalter beschrieben, das dem christlichen Bekenntnis bestimmt ist.

Vom Auftreten Jesu in historischer Epoche bis hin zur Ankunft des Antichristen, der das Ende des Zeitalters der Fische markiert (deren Sternzeichen durch zwei Fische dargestellt wird, die miteinander einen Kreis bilden), regiert Christus in der Seele des westlichen Menschen als Sinnbild seiner eigenen Vervollkommnung.

Nun dürfen aber zwei Fragen aufgeworfen werden. Zum einen: Warum muss das christliche Aion durch ein Wiederauftauchen des Antichristen und seine Überwindung beendet werden. Und warum kann Christus als Symbol der Ganzheit gelten, da doch auch das Böse zu dieser Ganzheit gehört, in Christus aber nach religiösem Empfinden zunächst einmal alles Böse ausgeschlossen ist. Christus gilt als König der Engel, sitzt zur Rechten Gottes - wie kann es da Schlechtes in ihm geben?

Hier meint man die Anmutung einer Unebenheit, einer Unwucht zu spüren, der Jung in jenen späten Texten des "Aion" nachgeht.

 

Wonach er wirklich sucht, ist der Ursprung des Risses, der durch den modernen, westlichen Menschen geht, seine Besessenheit mit moralischer Reinheit, mit religiöser Verklärung einerseits, und seinem Hang zu unvermuteter Grausamkeit und ins monströse gesteigerter Selbstsucht andererseits.

Auch der Hang des Westlers zu steriler Profanität, seine atheistische Gottvergessenheit sollte von daher rühren. Und wäre es nicht möglich, wenn man die tiefere Struktur des Problems erkannt hätte, auch eine Prognose über den weiteren Gang der Moderne zu wagen, ihr Schicksal vorherzusagen, eher noch durch Extrapolation denn durch Prophetie?

Jung weist auf ein fundamentales Problem christlicher Theologie hin, nämlich ihre, vom Neuplatonismus her inspirierte, Lehre, dass das Böse keine eigene "Substanz" habe, sondern das Böse bloß eine Abwesenheit des Guten sei. Von dort her kann man das Böse nicht mehr als Teil der Ganzheit des "Selbst" denken.

Der Mensch, der gefallene Adam, findet sich wieder in einer Welt, in der im Himmel über ihm Christus thront, nach dessen Vorbild er streben soll, und unter ihm herrscht, kaum weniger königlich, ein Widersacher, zu dem es den aus Lehm geformten Adam durch seine Regungen und Instinkte immerfort hinunterzieht.

Es entsteht ein Riss zwischen Natur und Ideal, zwischen Wünschenswertem und real Gewünschten, der auch durch Güte und Selbstliebe nicht zu schließen, nicht zu versöhnen ist.

Von diesem christlichen Denken her ist es, im psychoanalytischen Sinne, nur folgerichtig, dass man die Wiederkunft des so "verdrängten" Satan befürchtet, und, mythologisch verbrämt, von dieser Wiederkunft dennoch auch die heilsame Integration und das "echte" Reich Christi erhofft, auch wenn dies keinem christlichen Autor, der an der Auslegung der Apokalypse mitwirkte, tatsächlich bewusst war. Es steht aber implizit im Text, sozusagen.

Die Lösung für das Problem des untergründig persistierenden Schattens des "lichten" Christus, kann nun von verschiedenen Seiten her gedacht werden.

Erst einmal ist zu fragen, ob dieses "Nichts", das Gegenteil des "Seienden", nicht auch von Gott herkommt.

Wäre Gott nicht besser als das "Nichts-Alles" gedacht, denn als das reine "Sein"?

Der zweite erhellende Gedanke ist der, Satan als "Ego-Archetypus" zu verstehen.

Wenn das "Sein" göttlich ist und das "Bewusstsein" auch, und wenn wir beides aristotelisch als die "Substanz" unserer menschlichen Existenz betrachten, so bleibt die Notwendigkeit, unsere Individualität zu erklären, also das Akzidens, das wir sind, jeder von uns.

Was trennt den einen vom anderen, und alle wiederum von Gott?

Diese Kraft kann man durchaus als eine der Erlösung entgegengesetzte, leidschaffende, die absolute Wahrheit, Tugend und Güte Gottes verdunkelnde Macht sehen, aber sie ist dennoch notwendig. Denn wenn es sie nicht gäbe, gäbe es nur Gott, und nichts als Gott, also gar nichts, Nichts-Alles, nichts bestimmtes also.

So kann man folglich die von Gott fortstrebende Kraft als einen Samen sehen, um den herum die Frucht sich erst bildet, als das Sandkorn, um das herum das Perlmutt sich anlagert, um die Perle hervorzubringen.

So wäre Christus eine Matrjoschka, in deren Inneren sich der erlöste Adam wiederfindet, in diesem wiederum der gefallene, und im gefallenen Adam die Schlange selbst. Und hier wäre auch die Versöhnung in der einzelnen Psyche des gläubigen Menschen zu finden:

Ich soll wie Christus zur Selbstlosigkeit streben, wenn ich jedoch in meiner Existenz selbst gefährdet bin, darf ich mich verteidigen wie ein Wesen, das aus Lehm erschaffen, also aus Fleisch und Blut und damit verletzlich ist.

Die Grenze meiner Selbstbehauptung symbolisiert Moses mit seinem Gesetz, das Gebot größtmöglicher Selbstlosigkeit kulminiert im Symbol des Kreuzes, des Selbstopfers (Die Grenze der Selbstaufopferung ist übrigens gegenüber parasitärem Verhalten gegeben:

Für Menschen, die auf die Beine kommen, oder Kinder, die wachsen wollen, darf ich jedes Opfer bringen.

Für den Schmarotzer, der weder leisten noch leisten lernen will, darf ich mich nicht beschneiden).

Aus dem Gesagten wird auch verständlich, warum für die Muslime ihr Prophet das "Siegel der Propheten" darstellt und als der "Beste aller Menschen" angesehen wird.

Das Siegel der Propheten vereint die Tugend des Himmels, die vom König der Engel symbolisiert wird, mit dem Recht der Nachkommen Adams, sich gegen das wahre Böse (das Parasitäre, rein Destruktive) zu verteidigen, innerhalb der Grenzen freilich, die durch die Sendung des Mose verdeutlicht wurden.

Wenn Christen an Mohammed kritisieren, dass dieser sich auch mit dem Schwert zu verteidigen wusste, verkennen sie, dass die Muslime mit "bester aller Menschen" tatsächlich "Mensch" meinen. Mohammed ist der beste aller *Menschen*, nicht der "Sohn Gottes", der "König der Engel" oder das "Lamm".

Insofern wäre der Islam als eine mögliche Lösung zu verstehen für die "Krux", vor der Jung die christliche Psyche sieht. Leider hat Jung in diese Richtung nicht gedacht, obwohl einige Vertreter des Sufismus ihn als Denker und spirituelle Gestalt sehr ernst nehmen. Für den westlichen Menschen bleibt der hoch fliegende Engel und sein Schatten tief unter der Erde.

Die Lösung kann nicht die Abwendung vom Licht sein.

Eine Apokalypse, die den kollektiven Schatten hervorbrechen lässt aus verdrängten Tiefen, ist auch nicht wünschenswert.

Es bleibt die tiefenpsychologische Integration der ausgeschlossenen, verdrängten Kräfte.

Jung war in dieser Richtung gewiss nicht optimistisch, hat aber mit dem "Aion" seinen Beitrag geleistet.

Mit der Individuation, der Integration aller Bestandteile unserer Seele, erschaffen wir die höchstmögliche Befreiung.

Oder wir werden wahnsinnig.

Doch vielleicht sind wir das ja sowieso schon.