Der tyrannische Rezeptionist: Wie ich fast zum Monster wurde

Der tyrannische Rezeptionist: Wie ich fast zum Monster wurde

Es ist 22:28 Uhr.

Immer noch Pandemie.

In Deutschland herrscht eine Testpflicht für Besucher von Hotels.

Ich wusste das nicht bzw. komme fast direkt aus Bulgarien, wo es quasi keine Pandemie gab.

Ich will einchecken.

"Kann ich deinen Test oder Impfnachweis sehen?", fragt der Rezeptionist.

Ich werde aufgeregt.

Nicht, weil ich keinen Test hätte.

Ich habe noch einen Test von vor zwei Tagen.

Doch ich spüre direkt, das ich aggressiv werde.

Ohne Grund könnte man meinen.

Er hat doch in normalem Ton nach dem Test gefragt.

Warum also wütend werden?

Mein System bereitet sich vor.

Ich spüre, dass sich hier etwas anbahnt.

Ich spüre, dass ich einen Tyrannen vor mir habe, meine Wut ist ein Zeichen.

Ich zeige ihm meinen Test.

Er schaut sich den Test länger an als der Bundespolizist am Flughafen bei der Einreise.

Mein Gefühl wird stärker, jetzt ist es, als ob ich eine Gabel in eine Steckdose gerammt hätte.

Mein Herz pumpt jetzt so schnell wie die Turbinen eines Kreuzfahrtschiffes beim Ablegen.

Meine Lunge bläht sich auf wie ein tollwütiger Yorkshire-Terrier.

Es wird etwas passieren.

"Der Test ist schon 48 Stunden alt", sagt er, "ich brauche aber einen Test der letzten 24 Stunden."

Knall. 

Ich wusste es. 

Ich weiß jetzt schon, wie die nächsten 30 Minuten aussehen würden bzw. die ganze Nacht.

Mein Kopf bereitet die kommenden Szenarien vor.

"Außerdem, warum ein Test bei einem Neurologen? Was soll das? Und warum ist der nicht ausgedruckt?!"

Er fährt fort.

Er stellt keine Fragen.

Er tyrannisiert.

Er will meine Ressourcen schwächen, Geld und Energie.

Er will wenigstens in dieser Dominanzhierarchie zwischen uns beiden dominant sein, um wenigstens für einen kurzen Moment einen Serotoninschub zu haben, denn vermutlich ist er in dutzenden Dominanzhierarchien eher am unteren Ende.

Und er will mich leiden sehen.

Weil er weiß, wie sich Leid anfühlt.

Und weil ihm das gefällt.

Weil es ihm ein Gefühl von Macht gibt, mich leiden zu lassen.

Weil es ihm das Gefühl gibt, dass er in seiner Hölle doch nicht alleine ist.

Weil er unter den bedeutungslosen Schmerzen des Lebens leidet und mir zeigen will, wie sich das anfühlt. 

Weil er nicht erkennt, dass seine erbärmliche Moral Schuld an seiner Misere ist und seine Verbitterung somit auf mich projeziert wird, denn vielleicht bin ich ja Schuld, dass er seine Existenz hasst.

Wer weiß das schon.

Ich habe 2 Probleme:

  1. Die aktuellen Bestimmungen geben ihm Recht.
  2. Will ich seine Güte, muss ich mich brav verhalten.

Das 2. Problem blende ich aus, denn er hat seine Entscheidung schon gefällt.

Sein sadistisch-tyrannisches Grinsen, als ich ihm sage, dass davon in der E-Mail nichts stand, gibt mir Recht.

Ich blicke ins Leere.

In mir ploppen Bilder auf:

Mein inneres Kind schlägt mit einer Axt alles in dem Schloß, in dem es lebt, so klein, dass man nicht mehr erkennt, was es einmal war.

Meine Halsschlagader wird sichtbar.

Wäre die Situation eine andere würde ich den Tyrannen verbal solange an die Wand schlagen, bis er sich ich einen Welpen verwandelt.

Doch er hat die Macht.

Und er weiß es.

Und er nutzt es.

Ich sehe meine Chancen so klar vor mir, wie meinen visualisierten Puls und mein inneres Kind, das mittlerweile die Tische in Kleinholz hackt.

Es läuft gegen mein Prinzip, seine Tyrannei durchgehen zu lassen.

Doch er ist der König mit der Macht über das Tor.

Ich fordere meinen Pass zurück und verlasse die Lobby, bevor sich das, was sich in mir angebraut hat, nach außen kanalisiert.

Ich weiß, dass ich in meinen dunkelsten Stunden vermutlich genauso gehandelt hätte. 

Wir wissen, wie sich Leid anfühlt, also wissen wir auch, wie sich Leid für andere anfühlt. 

Das ist erleichternd, auf eine bemerkenswert ekelhafte Art und Weise.

Das Bewusstsein darüber, dass ich ohne Bedeutung in meinem Leben er hätte sein können, verhindert, dass das Monster in mir unbewusst wird und damit Besitz von mir ergreift. 

Das ist von elementarer Bedeutung!

Ihn jetzt als böse und mich als gut darzustellen, macht mich böse. 

Die bösesten Menschen sind die, die sich für gut halten, ohne jemals Einsicht in ihr Böses gehabt zu haben. 

Würde ich ihn jetzt verurteilen, ohne zu erkennen, was er da in mir weckte, würde der nächste Mensch, dem ich begegne, meinem Monster begegnen.

Damit wäre ich wie er.

Mit meinem 15kg Rucksack laufe ich durch die Stadt, wortwörtlich mein komplettes Leben auf meinen Schultern, auf der Suche nach einem Hotel, das mich aufnehmen würde.

Es ist 23:00 Uhr.

Alle Testcenter sind schon lange geschlossen.

Ich setze mich auf eine Parkbank und lasse das Böse in mir in mein Bewusstsein dringen.

Mein visuelles Sichtfeld flackert, es ist, als ob die Glühbirnen der Laterne über mir bald versagen würden.

Doch es ist meine Wut, mein Groll, meine Aggression, mein Hass, denen ich gerade erlaube, sich auszubreiten.

"Ja, das darf sein. Er ist böse, ja, aber das hat das Böse in mir geweckt. Ich sehe es und ich erlaube es. Es darf sein."

Vor 4 Jahren hätte ich eine massive Panikattacke, Übelkeit und ein Gefühl, als habe man mir eine Axt in den Nacken gerammt, bekommen.

Jetzt sitze ich hier und nehme das an, was er in mir weckte, um zu verhindern, dass ich so werde, wie er:

Ein unkontrolliertes Monster.