Die Langeweile der Bedeutung: Eine Vater-Sohn-Geschichte

"Was Vater? Was ist der Wert und Sinn dieser Welt?", fragte der Sohn seinen Vater, während ihre Blicke über die Stadt streiften, die sie von dem wild bewachsenen Berg aus beobachten.

"Sie hat keinen", antwortete der Vater. Sein Atem machte die Luft sichtbar.

"Sie hat keinen? Warum sind wir dann hier?", fragte der Sohn.

"Es gibt keinen Grund. Du hast nicht existiert, jetzt existierst du, bald wirst du nicht mehr existieren. Das ist Leben. Bei uns Menschen, bei Tieren, ja sogar bei den Bäumen hier". Der Vater zeigte auf die rießige Birke, die sich vor ihnen erstreckte, einsam, aber majästhetisch.

"Doch doch," erwiederte der Sohn fast wütend", irgendetwas muss einen Sinn haben. Da dieses Haus. Es ist groß und bestimmt teuer. Wenn ich das besitze, dann bin ich auch viel Wert, dann hat mein Leben einen Sinn."

Der Vater lachte.

"Du wirst, wenn du das glaubst, das Haus besitzen und dann wirst du erkennen, was wahr ist."

Der Sohn zog los.

Er arbeitete, Tag und Nacht, er entzog sich Schlaf und Energie.

Sein einziges Ziel: Endlich dieses Haus zu besitzen.

Die Jahre zogen an ihm vorbei, und er kam seinem Ziel immer näher.

Er traf sich wieder mit seinem Vater, der nun deutlich älter und noch weiser geworden war, auf dem Berg,

"Und?", fragte der Vater, mit dem Blick auf die Erscheinung der leuchtenden Stadt unter dem Nachthimmel", wie fühlst du dich?"

"Ausgebrannt," antwortete der Sohn", ich bin müde. Ich habe Angst um meinen Besitz, aber ich muss weiterarbeiten. Wir wollen das Nachbarshaus kaufen."

"Das meine ich nicht. Ich meine, ob du dich genauso wertvoll fühlst, wie das Haus groß und teuer ist."

"Was? Oh das. Nein, eher nicht. Aber mit dem angrenzenden Gebäude werde ich aufhören. Dann wird mein Ziel endlich erreicht sein."

Ihre Wege trennten sich wieder, die Jahre verzogen wieder.

Beim nächsten Treffen hatte der Sohn tiefe Augenringe. Er warf sich drei Tabletten in den Rachen.

"Und?", fragte der Vater, "jetzt hast du doch wohl endlich deinen Sinn gefunden, oder? Das Haus sieht schließlich großartig aus, es verschönert das Stadtbild und jeder redet darüber."

"Ach scheiß drauf," sagte der Sohn", das ist nur Blenderei. Schau doch, wie ich aussehe, ich bin ein Wrack, ich kann mich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen. Ich gebe die Firma ab, ich führe ein normales Leben."

"Ein normales Leben", fragte der Vater", das klingt ja unglaublich langweilig. Und da willst du deinen Sinn finden?"

Der Sohn schwieg.

Sie trafen sich ein Jahr später wieder.

Der Vater wiederholte seine Frage:

"Und? Hast du deinen Sinn gefunden?"

"Keine Zeit zum Quatschen, ich trainiere für einen Marathon und will heute mindestens fünf Seiten eines Buches über Managament schreiben."

"Klingt langweilig", sagte der Vater mit einem Grinsen im Gesicht.

"Ja," sagte der Sohn erleichtert, "das ist es."